Loslassen

Loslassen hat noch nie zu meinen Stärken gehört. Ich hasse Verabschiedungen aller Art, würde die Zeit oft gern einfach anhalten. Seit ich ein Kind habe, ist das verstärkt. Wie kann es sein, dass die Zeit so schnell geht? Dass mein Sohn schon so groß ist? Und doch ist das Alter meines Sohnes gerade sehr cool und eigentlich viel schöner als vor einem Jahr. So gesehen gut, dass die Zeit vergeht. Aber jetzt könnte sie ja stehenbleiben…

Im Kopf weiß ich, dass es für ihn und mich die beste Entscheidung ist, dass er jetzt in die Kinderkrippe geht. Dort hat er Abwechslung, andere Kinder und kann sich austoben, während ich arbeite. Der Nachmittag gehört dann uns. Meinen Sohn allerdings in fremde Hände zu geben (auch wenn ich weiß, er ist dort wirklich gut aufgehoben und ich vollstes Vertrauen habe), war nicht nur bei meinem Sohn mit Tränen verbunden. 

Ich bin froh, über die Eingewöhnung gelesen zu haben. Extrem geholfen hat mir das Buch „Kinderköpfe ticken anders„, da es so verständlich erklärt, warum Kinder weinen, wenn man sie abholt. Gleichzeitig bin ich auch sehr stolz auf meinen Sohn. Es funktioniert immer besser und er freut sich täglich auf die Kinder. 

Und weil mir das passende Buch so gut bei der Eingewöhnung geholfen hat, habe ich mir gleich zwei weitere Bücher besorgt, die ich schon öfter empfohlen bekommen habe. Die Begleitung eines Kindes kann oft fordernd sein, deshalb ist es mir wichtig, ein bisschen drüber zu lesen und zu verstehen, was in meinem Kind vorgeht und wie ich es am besten begleiten und unterstützen kann. Das macht es auch für mich deutlich einfacher und entspannter. 

„Kinder sind immer wunderbar. All unsere Probleme sind reine – Benutzerfehler. (…) Wir wissen längst, dass die alten Konzepte nicht mehr greifen: Kleinkinder wollen keine Grenzen testen und sind auch keine Tyrannen. Sie sind aber auch keine kleinen Erwachsenen. Wir müssen einen ganz neuen Weg gehen.“ Allein diese Sätze im Vorwort von Nicola Schmidts Buch „artgerecht – Das andere Kleinkinderbuch“ lassen mein Mamaherz höher schlagen. Genau so will ich mein Kind erziehen. Ein bisschen ärgere ich mich, dass ich nicht schon das „artgerecht Babybuch“ gekauft habe, obwohl es mir so empfohlen wurde. Aber umso mehr freue ich mich, jetzt die Kleinkind-Variante in den Händen zu halten. Es teilt sich in Kapitel wie „Essen, Schlafen, Sauber sein, Spielen, Familie sein, Betreuen und Leben“ und beantwortet sämtliche Fragen, die im Leben mit einem Kleinkind auftauchen. Es bietet keine Patentlösungen, aber erklärt viel zum Thema Hirn- und Achtsamkeitsforschung, was Kinder brauchen und wie sie ticken. Es gibt keine Zeitpläne und keine Regeln, weil jede Familie anders ist. 

Das Buch ist sehr locker und verständlich geschrieben. Die einzelnen Kapitel enthalten immer wieder Infoboxen mit kurzen, prägnanten Fakten, ein paar Erfahrungen „Was ich gerne vorher gewusst hätte“ und sind insgesamt durch eine ansprechende, Struktur gebende Grafik und sparsam eingesetzten Illustrationen auch noch sehr hübsch. 

Vieles deckt sich mit dem, was ich schon wusste bzw was ich instinktiv für mein Kind wollte, anderes wiederum war komplett neu und spannend. Insgesamt fühle ich mich durch das Buch bestärkt und irgendwie auch unterstützt. Besonders das Kapitel zur Eingewöhnung hat mir in meiner momentanen Situation geholfen. Es ist jedenfalls ein Buch, das ich bestimmt noch öfter aus dem Regal nehmen werde. 

Der einzige Nachteil an diesem Kleinkinderbuch, das ich sonst uneingeschränkt empfehlen kann, ist das Format. Es ist ein großes, schweres Hardcover-Sachbuch, das man leider nicht gut nebenbei beim Stillen lesen kann. Das ist ein bisschen schade. 

Dafür gibt es den „artgerecht- Kleinkind-Planer„, der im leichten, dünnen Softcover mit Gummiband und Lesezeichen daherkommt. Runtergebrochen auf 52 Wochen werden die Basics der Themen aus dem großen „artgerecht-Buch“ zusammengefasst und kombiniert mit einem Planer bzw Kalender für ein ganzes Jahr. 

Zu Beginn wird auf einer Doppelseite erläutert, wie man Planer nutzt. Pro Woche gibt es eine kurze Einführung, Gedanken oder ein Thema, sowie eine To Do Liste, Platz für Notizen und tägliche Termine. Das Datum der jeweiligen Woche muss selber ausgefüllt werden, so kann man jederzeit mit dem Planer beginnen. 

Zwischendurch gibt es immer wieder ein paar Seiten mit Wissen und Theorie zu den Themen von oben. Das finde ich sowohl für Eltern, die das eigentliche „artgerecht“-Buch nicht besitzen, als auch für jene, die es bereits haben bzw gelesen haben, praktisch. So kann man in jedem Fall im Buch (nochmal) nachlesen, wenn ein Thema gerade interessant oder relevant ist. 

Am Schluss, also nach den 52 Wochen, bietet der Planer Platz für Listen, Tipps für entspannte Kindergeburtstage, Fragebögen zum Wachsen und Reflektieren, Meilensteine, Kontaktlisten, Spieleideen und und und… 

Auch wenn der Planer für meinen Geschmack zu wenig Platz für die einzelnen Tage bietet (mein Kalender hat pro Tag eine Seite, während dieser Planer eine Doppelseite pro Woche vorsieht), will ich ihn gerne demnächst auch in unseren Alltag integrieren. Vielleicht muss ich einfach umdenken, To Do Listen für die Arbeit extra führen und das Familienleben auch in meinem Kalender mehr ins Zentrum rücken. Ich bin jedenfalls sicher, dass der Planer mir ein guter Begleiter sein wird.

Nachtrag: Seit kurzem besitze ich ein weiteres Buch aus der artgerecht-Serie, das hier ebenfalls nicht fehlen darf.
„artgerecht durch den Familienalltag – …weil das echte Leben auch echte Lösungen braucht!“ von Nicola Schmidt beantwortet Fragen von Eltern, die bei ihren Vorträgen immer wieder gestellt wurden. Die Fragen sind nach Lebensphasen sortiert (Geburt, Säuglingsalter, Kleinkindzeit, Grundschulalter, Trennungsphasen etc) und kurz und knackig, aber trotzdem immer mit dem Blick dahinter beantwortet. So wird jede Frage gestellt, mit einer Schnellantwort beantwortet, dann aber noch in „Die Frage hinter der Frage“ erläutert, aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und weiter mit einer konkreten Handlungsanweisung abgeschlossen. So füllt eine Frage etwa eine Doppelseite.
Auch dieses artgerecht-Buch ist eines, das ich innerhalb kürzester Zeit durchgelesen habe (zugegeben: die Kapitel über Trennung und Grundschulzeit habe ich ausgespart). Abgesehen davon, dass es auch viele neue Gedanken und Sichtweisen für mich bietet, fühle ich mich so bestärkt in meiner Erziehung, in meinem Umgang mit Kind und Familie. Nicola Schmidt macht Mut und sieht alles sehr viel pragmatischer als ich. Das nimmt in vielen Situationen den Druck raus, weil man schlicht und einfach nicht immer allen gerecht werden kann. Aber schon sehr zu Beginn schreibt sie sinngemäß, dass man sich nicht um alle Probleme der Welt kümmern kann, wenn man ein Kind großzieht. Das ist schließlich Aufgabe genug.

Durch das Konzept von Fragen und Antworten liest sich das Buch sehr leicht und rasch. Es ist vielleicht sogar das ideale Einsteigerbuch für das artgerecht-Konzept, weil es so konkret auf bestimmte Situationen zugeschnitten ist. Ich kann es jedenfalls nur empfehlen!




Nachtrag 2024: „Geschwister als Team“
So wie alle artgerecht-Bücher, die ich bis jetzt gelesen habe, ist auch dieses Buch sehr bestärkend und bietet viele Gedankenansätze, die für ein harmonisches Familienleben sorgen können. Gerade für das Erstgeborene ist ein Geschwisterchen eine große Veränderung, die gut begleitet werden will. „Geschwister als Team“ bietet die Unterstützung dafür und ist auch für Eltern eine gute Vorbereitung.
Fragen wie der richtige Zeitpunkt, wie man mit den Neuigkeiten gegenüber dem ersten Kind umgeht, die Phasen von Geschwistern, über Streit unter Geschwistern, aber auch der Blick in andere Kulturen und Systeme wird ausführlich und trotzdem sehr verständlich und keinesfalls zu ausschweifend behandelt. Ich schätze die artgerecht-Bücher für ihren Blickwinkel und die Leichtigkeit der Dinge, die oft nur aufgezeigt werden muss. Zwischendurch gibt es konkrete Tipps und Fragen, die beantwortet werden. Der Input ist gut strukturiert und deckt so viel mehr Gedanken ab, als ich mir auf den ersten Blick zu diesem Thema gemacht hätte. Etwa auch verlorene Kinder, Schwangerschaftsabbruch, behinderte Kinder oder Patchworkfamilien und der jeweilige Umgang des Geschwisters damit sind Teil des Buches.
Am Ende gibt es Impulse und Übungen, die im stressigen Alltag ein guter Anker sein können.
Auch wenn bei uns ein Geschwisterchen noch kein Thema ist, weiß ich, welches Buch ich zu allererst (wieder) lesen werde.



Für alle Mamas, die dennoch von der Mehrfachbelastung mit Job, Haushalt, Familie, Freizeit etc gestresst sind, habe ich noch ein Buch: Wege aus dem Mama-Burnout von Dr. Hans Hartmann. Der Titel klingt irgendwie wild und dramatisch, aber wenn wir uns ehrlich sind, kann der Mama-Alltag ganz schön anstrengend sein. Ich habe mich vor einiger Zeit auch erschöpft und gestresst gefühlt, bis ich wieder mehr Me-Time in den Alltag integriert habe, was mir sehr geholfen hat.

In dem Buch werden Ursachen, Auswirkungen von Burnout auf das Familienleben sowie Möglichkeiten zur Veränderung aufgezeigt, alles sehr leicht verständlich und gut erklärt. Im Laufe der einzelnen Kapitel (zB Stress und seine Symptome, Erkennen von Beziehungsmustern, Der Weg nach innen, Umgang mit Krisen und Rückschlägen oder Erreichen von Widerstandskraft) werden sehr viele Fragen gestellt. Nicht nur, dass die einzelnen Kapitel in Fragen unterteilt sind, die fachlich beantwortet werden, auch werden immer wieder Fragen gestellt, die man selbst beantworten kann. Dafür muss man jedoch aber einen eigenen Block nehmen, im Buch selber ist kein Platz für die Antworten.

Das Buch suggeriert nicht, ein Allheilmittel zu sein und empfiehlt, bei massiveren Problemen jedenfalls eine psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Insgesamt wirkt das Buch aber ein bisschen aus der Zeit gefallen, denn Mütter arbeiten oft nicht um sich selbst zu verwirklichen, sondern um das Leben zu finanzieren. Der Autor ist Leiter einer Mutter-Kind-Kurklinik. Insofern hätte ich mir schon erwartet, in dem Buch auch aus der täglichen Praxis zu lesen und nicht nur von Lebensmustern, die aus meiner Sicht der Vergangenheit angehören.

Dennoch können die gestellten Fragen und mögliche Veränderungen helfen und den Mama-Alltag erleichtern. Und vielleicht liest es ja auch der ein oder andere Papa, der meiner Meinung nach oft genauso viel um die Ohren hat, wie die Mama (zumindest in unserem Fall).

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