Ich bin fast ein bisschen aufgeregt. Hier kommt mein erster Gastbeitrag von einem ganz besonderen Gast. Schon oft war von ihm die Rede, jetzt meldet er sich mal selbst zu Wort: mein Papa. Sein ganzes Leben lang liebt er schon Musik, schon viel länger als ich natürlich. Er hört täglich Musik, beim Malen (daher auch die Farbflecken auf seinem Schreibtisch, wie ihr auf dem Bild sehen könnt). Deswegen ist er der ideale Gast, um einen Beitrag über das neue Album der Toten Hosen zu schreiben. Aber, lest selbst.

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Fünf Jahre nach dem unglaublichen – vom Radio-Hit „Tage wie dieser“ befeuerten – Erfolg ihres Albums „Ballast der Republik“ veröffentlichen die Toten Hosen ihre neue Produktion „Laune der Natur“.

Trotz aller Punk/Party/Alkohol/Fußball-Attitüde der Toten Hosen waren ihre Lieder nie frei von intellektuellem Anspruch, was sich vor allem in jenen Liedern manifestiert hat, die sich gegen Intoleranz gerichtet haben, aber auch in sehr bildreichen Schilderungen eines Lebensgefühls.

Mit zunehmendem Alter hat sich die Reflektiertheit naturgemäß verstärkt. Die neuen Lieder spiegeln die Gedanken- und Gefühlswelt eines 54-jährigen wieder, nachdenklich, teilweise sentimental und doch noch nicht bereit, endgültig zu resignieren. Musikalisch nach wie vor von Power-Rock-Hymnen dominiert, beschäftigen sich die Texte verstärkt mit Themen wie Endlichkeit und Sinnsuche.

Grund dafür und auf der ganzen Platte allgegenwärtig ist der Umstand, dass in letzter Zeit zwei Kumpane der ersten Stunde verstorben sind: Wölli und Jochen.

Wölli war der Schlagzeuger der Gründungsformation und zuletzt aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr dabei. Ihm zu Ehren haben sie aus einem späten Soloalbum von seinem Lied „Kein Grund zur Traurigkeit“ die Gesangsspur verwendet und die übrige Musik neu aufgenommen, um – so das Booklet – ein letztes Mal mit ihm musizieren zu können.

Jochen war von Anfang an der gute Geist der Band und fungierte als  Manager. Nach seinem Tod kündigte die Band an, dass diese Funktion aufgrund seiner menschlichen Unersetzlichkeit nicht mehr nachbesetzt wird. Die Platten der Hosen, obwohl längst im Vertrieb von Majors, tragen bis heute das Label „JKP“ (Jochens Kleine Plattenfirma). Sein Begräbnis beschreiben sie auf dem Lied „Eine Handvoll Erde“. Was für ein Gänsehaut-Lied, würdig, beim Begräbnis eines Rockers zum Abschied gespielt zu werden.

Der Titel „Laune der Natur“ bezieht sich darauf, dass eine Band aus halbstarken Punks üblicherweise eine weit kürzere Lebensdauer aufweist als die Hosen, die ihr erstes reguläres Album „Opelgang“ immerhin schon 1983 veröffentlicht haben.

Das aktuelle Album ist das Werk einer in Würde gereiften Band. Dieser Laune der Natur scheint die Kraft noch länger nicht auszugehen.

Tour zum Album: In den 80ern zogen Fans auf dem Weg zu einem  Konzert durch die Straßen von Wien, skandierten „HO-SEN, HO-SEN“, rempelten Passanten um und übergossen sie mit Bier. Teil eines solchen Publikums zu sein, war mir damals zu gefährlich. Jetzt vielleicht nicht mehr.