Heute habe ich wieder einen Gastartikel für euch. Auch diesmal hat ihn ein ganz besonderer Mensch für mich verfasst: mein wunderbarer Freund Thomas hat die Doku „One More Time With Feeling“ über Nick Cave für euch angeschaut und rezensiert:

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Ich ging an „One More Time With Feeling“ relativ entspannt heran. Eine Doku über Nick Cave – nichts worauf ich glaubte, mich extra vorbereiten zu müssen. Also DVD rein und los.
Gleich zu Beginn sprach Warren Ellis, ein langjähriger Bad Seeds-Weggefährte von Nick Cave über ein tragisches Ereignis, über das er nicht ins Detail gehen wollte. Und da wurde mir klar, das ist kein Tourneevideo oder Promotionclip.

Ich hatte das letzte Album „Skeleton Tree“ durchgehört und auch dessen Geschichte gekannt. Nick Cave verarbeitete in diesem die Trauer um seinen Sohn Arthur, der 2015 im Alter von nur 15 Jahren verunglückt war. Offenbar sollte dieses Ereignis die Essenz des Films darstellen, den ich gerade dabei war anzusehen. Aufmerksamkeit schlagartig verdoppelt.

Ohne dieses Quäntchen Vorwissen wäre es mir vermutlich nicht gelungen, in den Film hineinzufinden, da das „Ereignis“, dessen Auswirkungen auf seine Akteure hier in vielen Worten, Klängen und Schweigeminuten verarbeitet werden, bis ins letzte Viertel nicht explizit ausgesprochen wird. Aber der Film ist wahrscheinlich auch nur eher etwas für Leute, denen Nick Cave und seine Lebensgeschichte ohnehin ein Begriff sind.

In Wahrheit würde ich dieses Werk nämlich nicht als Dokumentation bezeichnen. Ich sehe es mehr als Essayfilm, in dem Nick über Trauerbewältigung, Realität, die eigene Rolle im Universum und den kreativen Prozess spricht. Starke, cineastische Bilder, die Schwarzweißästhetik könnte passender nicht sein. Denn Nick Cave, ein poetischer Zauberkünstler, wirkt in den reinen Interviewpassagen, als würden ihm die Worte fehlen. Er schafft es nicht, seine Gedanken in Sätze zu packen. Aber wenn er seine Zettel hervorholt und seine Texte vorliest oder gar die ersten Akkorde erklingen, wirft einen seine lyrische Wucht förmlich um. Der zyklische Aufbau mit den abgefilmten Takes im Tonstudio, kontrastiert mit Interviews im Auto oder in Nicks und Susies Haus in Brighton, unterstreicht die Authentizität von Nick Caves Kunst: die verworrenen Gedanken und Gefühle eines trauernden Vaters können nur in seiner Musik Ausdruck finden.

Der Film begleitet, grob gesagt, den Entstehungsprozess von Skeleton Tree – und bleibt dabei gottseidank nicht auf der metaphysischen Ebene hängen, sondern illustriert auch die harte Arbeit im Studio. Man bekommt auch fast das gesamte Album zu hören, mit dem ganzen Kontext und den Gedanken, die dahinterstecken. Dabei sind insbesondere die Brüche zwischen nüchterner Arbeit/ Passagen einspielen/umarrangieren und Trauer/Philosophie/Weltschmerz sehr hart gesetzt und lassen einen nicht in der einen oder anderen Gangart verweilen.

Insgesamt finde ich den Einblick in das Hirn von Nick Cave und Konsorten und den Prozess hinter der Entstehung eines Konzeptalbums sehr spannend und auch ästhetisch sehr ansprechend. Für Fans und Anhänger schwermütiger und gerade eben nicht aufbauender Unterhaltung nur zu empfehlen!